Msgr. Micas, als einziger Bischof, der sich öffentlich mit der delikaten Frage der Entfernung von Rupniks Werken befasst – noch immer unter kirchlichem Prozess wegen sexuellen Missbrauchs an rund dreißig Frauen –, erklärte gegenüber La Dépêche, dass «die umstrittenen Mosaike des ehemaligen Jesuiten Ivan Marko Rupnik vollständig abgedeckt werden und dies auch über den Besuch (des Papstes) hinaus bleiben». Nicht nur das: Die von Micas und Daubanes 2023 eingesetzte Kommission hat endlich Fahrt aufgenommen und wird alternative Lösungen zu den mosaiken mit dem Rupnik-Stempel vorschlagen. In den Worten von Bischof Micas:
«Die Mosaike bleiben auch nach dem Pilgerbesuch des Heiligen Vaters bedeckt. Nach Abschluss desselben wird eine neue Reflexion angestoßen. Die bestehende Kommission wird erweitert – unter Einbeziehung insbesondere von Künstlern und Theologen –, um über die Zukunft der Fassaden der Basilika nachzudenken.
Weltweit gibt es Werke von Rupnik, doch immer wieder sind es diejenigen von Lourdes, die zur Debatte stehen: Dieser Umstand unterstreicht die symbolische Dimension der Botschaft von Lourdes im Verhältnis zu den Opfern sexueller Gewalt. So trägt sie uns eine einzigartige Verantwortung an.»
Dieser Meinungsumschwung hat im katholischen Milieu durchweg positive Reaktionen ausgelöst und bei den Opfern Rupniks erneut Hoffnung geweckt, die in der Entscheidung des Bischofs von Tarbes und Lourdes ein Zeichen der Aufmerksamkeit der Kirche sehen – und vor allem die Aussicht, dass dieser hinzögerliche Prozess gegen Rupnik nun tatsächlich stattfinden und schließlich mit einer Verurteilung enden möge.
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Wie ist dieser Sinneswandel zu deuten? Die naheliegendste Überlegung ist wohl purer Pragmatismus: Einen apostolischen Besuch des Papstes in Lourdes angesichts des düsteren Antlitzes des Christus-Rupniks zu gestalten, wäre schlichtweg ein Fauxpas gewesen; er hätte zu Pfiffen und Vorwürfen geführt, die Kirche tue nicht genug für die Opfer. Dem Papst Predigtworte da vortragen zu lassen, deren Hintergrund ein noch dazu unter kanonischem Prozess stehender Serienmissbraucher war, hätte den Eindruck erweckt, Papst Prevost schütze Rupnik genauso, wie es sein Vorgänger Franziskus tat.
Daher war das Abdecken der Mosaike tatsächlich ein Gebot der Stunde. Sie nur für den Papstbesuch zu verhängen, um sie im Anschluss schleunigst wieder zu enthüllen – was dann den Pilgern die „Augen des Schandflecks“ erneut gegenübertreten ließe –, wäre indes allzu heuchlerisch erschienen, und selbst die Diözese muss dies eingesehen haben, wenn Bischof Micas den ersten Vorschlag des Rektors Daubanes noch einmal korrigiert hat.
Zumal während seines apostolischen Frankreichbesuchs auf Missbrauchsopfer treffen wird: Einzelheiten sind freilich noch nicht bekannt, doch laut Programm wird eines dieser Treffen am Nachmittag des 27. Septembers in Lourdes stattfinden. Es wäre ein geradezu zynischer Widerspruch gewesen, angesichts der Mosaike Rupniks – die in den vergangenen Jahren mehr denn je zum Symbol der unfähigen Haltung der Kirche gegenüber klösterlichen Missbrauchsfällen avancierten – dem Opus rhetoricum der Entschuldigung und Ermutigung nachzuspielen.
Kurzum: Das Verhüllen der Mosaike an der Fassade der Rosenkranz-Basilika ist bloße Image-Pflege – oder, wie es die vielen von Rupnik Geschädigten hoffen, ein Zeichen dafür, dass sein kirchliches Schicksal nunmehr besiegelt ist? Es scheint kaum vorstellbar, dass Bischof Micas dies als Vorwärtsstrategie gewählt hat, zumal er zuvor nie ein Hehl daraus gemacht hatte, die Werke des slowenischen Künstlers gerne loszuwerden; Papst Franziskus hatte ihn Ende Juni 2024 sogar zu sich bestellt, um ihm zu raten, sich zu mäßigen. Nur wenige Tage später, am 2. Juli, hatte Micas die nächtliche Beleuchtung der Mosaike entfernen müssen, doch zweifellos sollte dies nicht das Ende der Maßnahmen sein. Am 31. März 2025 – als Papst Franziskus bereits auf dem Sterbebett lag – begann er damit, die Mosaike am Haupteingang zu verhüllen, um sie nun, im Vorfeld des Papstbesuchs, vollends zu verdecken.
Um zu verstehen, dass es sich hier um das Bühnenbild für die Papstreise und für die Entlassung Rupniks aus dem Klerus handeln könnte, müssen wir freilich das Ende des Verfahrens abwarten. Bekanntlich ist der ehemalige Jesuit trotz seiner Ausstoßung aus der Gesellschaft Jesu im Juli 2023 nach wie vor als Priester inkardiniert – und zwar in der Diözese von Koper (Capodistria).
Ein weiterer, nicht zu übersehender Aspekt: Die Opfer Rupniks, in deren Namen die Diözesankommission in Lourdes eingerichtet wurde und aufgrund deren Druck die Mosaike der Basilika nun verhängt werden, durften nicht an dem Prozess teilnehmen, der sie doch als Geschädigte betrifft. Doch bekanntlich funktioniert die kirchliche Justiz anders als die weltliche; und die verletzte Partei – also diejenigen, die vom Angeklagten mutwillig und wiederholt missbraucht und deren Leben oft für immer zerstört wurden – haben nicht einmal das Recht, den Ausgang des kanonischen Verfahrens zu erfahren.
Abschließend ein genauerer Blick auf die aktuelle Situation: Bei den kirchlichen Autoritäten, die Rupniks Mosaike verhüllen, stehen Dutzende anderer, die nicht nur nicht die geringste Regung in diese Richtung zeigen, sondern dessen Werke fortsetzen und verbreitet. Ein jüngstes Beispiel lieferte erst kürzlich das Treffen in Rimini, wo ein Christus-Werk Rupniks über den Reliquien der hl. Teresa von Lisieux „wachte“:

Und schier unzählige weitere Heiligtümer und Kirchen weltweit – an die zweihundert – beherbergen bis heute Rupniks Werke (Mosaike, Fresken und Gemälde), nicht selten sogar noch in Produktion, so etwa in Aparecida, Brasilien; selbst mit dem Segen Papst Leos – die ganze Geschichte haben wir bereits erzählt.
Das am 27. September in Lourdes geplante Geheimtreffen des Papstes mit Missbrauchsopfern ist nach wie vor streng vertraulich, doch die französische Presse bestätigt, dass es in Zusammenarbeit mit dem „Verband der Opfer von Notre-Dame de Bétharram“ organisiert ist, einer Vereinigung, die sich der Denunziation der hunderte Missbrauchsfälle annimmt, die von der Kongregation vom Heiligsten Herzen Jesu von Bétharram – nur wenige Kilometer von Lourdes entfernt – begangen wurden. Es handelt sich konkret um Fälle von Pädophilie an Kindern, nicht um erwachsene Frauen: keine Opfer Rupniks werden also den Papst treffen. Kurzum: Die Tradition, die Frauen zu ignorieren, die den mächtigen Priester und Künstler anzeigten, die bereits unter Franziskus begann, wird nun von Leo fortgesetzt.