Der Terminkalender macht die Sache besonders heikel. Am kommenden 27. September soll Leo XIV. in Lourdes auf Menschen treffen, die sexuellen Missbrauch in der Kirche erfahren haben. Unter den Priestern jedoch, die derzeit im Heiligtum die Pilger empfangen und begleiten, befindet sich der Argentinier Pater Gabriel Ghilardini. Er wurde 2020 in seinem Heimatland schwerer Anschuldigungen beschuldigt. Unter der Feder von Emmanuel Savoye hält Le Canard Enchaîné fest: » von unausrottbären Priestern …« Und das Heiligtum selbst verbirgt dessen Anwesenheit ja ohnehin nicht: Gabriel Ghilardini erscheint mit Foto und Namen in der offiziellen Liste der Kaplängemeinschaft.

Diese Priester, die aus verschiedenen Ländern stammen, üben ihren Dienst unter den Pilgern aus, insbesondere für Gottesdienste und Beichten.

Die Angelegenheit geht auf den 6. April 2020 zurück. Eine Argentinierin, Eugenia Castagnaro, damals 31 Jahre alt, hatte gegen Gabriel María Ghilardini Anzeige erstattet. Sie warf ihm eine sexuelle Belästigung vor, die sich im Jahr 2000 in Capilla del Señor in der Provinz Buenos Aires zugetragen haben soll, als sie zwölf Jahre alt war. Die Akte wurde unter der Referenz IPP-18-03-000427-20/00 bei der Ermittlungseinheit Nr. 3 von Campana registriert. Die kirchlichen Stellen in Argentinien hatten die Sache seinerzeit so ernst genommen, dass sie Vorsichtsmaßnahmen ergriffen: Das Bistum Nueve de Julio enthob Ghilardini seines Amts als Pfarradministrator und verbot ihm die öffentliche Ausübung seines Dienstes. Eine wesentliche Klarstellung sei jedoch hervorgehoben: Gabriel Ghilardini wurde nicht verurteilt.

Am 23. Oktober 2020 sprach der Richter Julio Andrés Grassi vom Tribunal de garantías Nr. 2 in Campana das Strafverfahren ein und verfügte die sobreseimiento des Priesters. Der Grund war die Verjährung: Der Magistrat ging von einer zehnjährigen Verjährungsfrist für die angezeigten, auf das Jahr 2000 zurückgehenden Vorwürfe aus. Diese Entscheidung stellt daher weder eine Verurteilung dar noch eine richterliche Feststellung der Unschuld des Priesters in der Sache selbst. Das argentinische Rechtssystem hat schlicht nicht über die materielle Wahrheit der vorgebrachten Vorwürfe entschieden, da das Strafverfahren als verjährt galt.

Weiterführender Artikel: https://tribunechretienne.com/messe-de-leon-xiv-a-la-concorde-deja-des-deputes-sagacent-au-nom-de-la-laicite/

Genau hier beginnt die heute in Lourdes aufgeworfene Frage. Denn parallel zum juristischen Verfahren hatte das argentinische Bistum ein kirchliches Verfahren eingeleitet und Pater Ghilardini zunächst vorläufig die öffentliche Ausübung seines Dienstes untersagt.

Wie hat sich diese kanonische Situation seither entwickelt? Hat die kirchliche Untersuchung zu einer Entkräftung der Anschuldigungen geführt? Wurden die vorläufigen Maßnahmen offiziell aufgehoben? Und unter welchen Bedingungen wurde dem Priester anschließend die Ausübung seines Dienstes im Heiligtum von Lourdes gestattet?

Diese Fragen sind umso berechtigter, als Lourdes zu einem der symbolträchtigen Orte des Engagements der französischen Kirche für Missbrauchsopfer geworden ist. Es wäre ungerecht, eine 26 Jahre alte Anschuldigung, die zu keiner Verurteilung führte, als Schuldeingeständnis zu werten. Die Unschuldsvermutung muss vollumfänglich auf Pater Ghilardini Anwendung finden. Doch ebenso unbefriedigend wäre das Umgekehrte: eine pauschale Annahme, allein die strafrechtliche Verjährung reiche aus, um alle mit seiner Rückkehr in den Dienst verbundenen Fragen zu beantworten.

Nur wenige Wochen vor dem Treffen Leos XIV. mit Opfern gerade in Lourdes scheint daher eine Klarstellung zu Pater Ghilardinis kanonischem Werdegang notwendig. Nicht, um an Stelle von Rechtsprechung oder Kirche zu richten, sondern um zu verstehen, wie ein Priester, der 2020 öffentlich seines Dienstes enthoben worden war, heute als Kaplan im Herzen des berühmtesten französischen Marienheiligtums wirkt.

(Weiterführende Quellen: 2024 — Red de Sobrevivientes de Abusos Eclesiásticos de Argentina: Veröffentlichung zu Eugenia Castagnaro und ihrer Anschuldigung gegen Gabriel Ghilardini, die auch die Verjährung der Sache in Erinnerung ruft.
Instagram-Veröffentlichung der Red de Sobrevivientes
2024 — Red de Sobrevivientes de Abusos Eclesiásticos de Argentina: Weitere Veröffentlichung, die ausdrücklich auf die 2020 erfolgte Anzeige durch Eugenia Castagnaro Bezug nimmt.
Facebook-Veröffentlichung zu Eugenia Castagnaro und Ghilardini)