Das Zweite Vatikanische Konzil hat keine neue Kirche erschaffen. Es strebte jedoch eine neue soziale Gestalt der Kirche an, die wieder im Einklang mit den Anforderungen der Zeit stehen sollte. Für die Konzilsväter lag die entscheidende politische Innovation seit dem Konzil von Trient (1545–1563) darin, dass sich die Natur des Staates verändert hatte. Der absolutistische Staat, durch den König und Adel auch die Gesellschaft beherrschten, wich im Zuge der Aufklärung und Demokratisierung dem säkularen Verfassungsstaat. Dieser zeichnet sich dadurch aus, dass er nicht mehr den Anspruch erhebt, die gesamte Gesellschaft zu regieren. Er ist nicht mehr eine Societas perfecta („perfekte Gesellschaft“).
Damit öffnete sich ein weites Feld, das als Zivilgesellschaft bekannt ist. Der moderne Staat wurde zugunsten dieser umgestaltet. Rechtlich bleibt er zwar der Rahmen und das soziale Sicherheitsnetz. Durch die Rechtsprechung wirkt er auch als Schiedsrichter zwischen politischen Akteuren und Akteuren der Zivilgesellschaft. Indem er sich auf diese Tätigkeiten zurückzieht, entsteht jedoch Raum für Einzelne und ihre Vereinigungen. Sie sind aufgerufen, durch ihr Handeln die Sphäre der Zivilgesellschaft mitzugestalten. Auf diesem Spielfeld agieren Wirtschaft, Medien, Kultursektor, Teile des Bildungswesens, Lobbygruppen und Interessensverbände, Unterhaltungs- und Freizeitindustrie sowie der Sport. Es ist auch die Welt der Vereine, Clubs und Stiftungen, die in vielfältigen Formen auftreten und unterschiedlichste Ziele verfolgen.
Sobald sich der alte Staat auf diese Weise in formale Staatsgewalt und Zivilgesellschaft ausdifferenziert hatte, kamen die Konzilsväter zu dem Schluss, dass die Kirche in ihrem Verhältnis zur Welt dasselbe tun sollte. Dabei geht es nicht um die Abschaffung ihrer hierarchischen und sakramentalen Ordnung, die unantastbar ist. Vielmehr gilt es, eine neue soziale Gestalt zu finden, die in einer neuen Epoche wieder apostolisch wirksam sein kann. Man mag die heutige, von der Zivilgesellschaft geprägte Welt als segensreich oder nicht empfinden. Doch die Kirche muss ein angemessenes Verhältnis zu ihr finden. Das bedeutet nicht, die Grundsätze des christlichen Glaubens infrage zu stellen.
Für die Kirche bedeutet die Auseinandersetzung mit dieser Aufteilung im öffentlichen Raum, dass zwar die Hierarchie der primäre Ansprechpartner des Staates bleibt – auch wenn Laien im modernen Verfassungsstaat durch Wahlen und Volksabstimmungen ebenfalls zu politischen Akteuren werden –, dass sie aber vor allem die christliche Präsenz in der Zivilgesellschaft darstellen. So wie die Zivilgesellschaft nicht Teil des Staates ist, handeln Laien dort nicht in offizieller Funktion für die Kirche. Vielmehr agieren sie in eigenem Namen als Bürger, die Christen sind. Diese Vorstellung verkörpert das vom jüngsten Konzil erneuerte Verhältnis der Kirche zur „Welt“.
Die Konzilsväter brachten diese neue Haltung der Kirche gegenüber den irdischen Wirklichkeiten weise und vorausschauend in Lumen Gentium (LG), Kapitel IV (Nr. 30–38), zum Ausdruck. Sie verliehen den Laien eine Spiritualität, die sie befähigt, in einer nun deutlich von der Zivilgesellschaft geprägten Welt Zeugen Jesu Christi zu sein. Offensichtlich erwies sich dieser theologische Fortschritt jedoch bisher sowohl für die Hierarchie als auch für die Laien als zu viel.
Das Zweite Vatikanische Konzil zu verstehen und in die Praxis umzusetzen hieße, dass nicht mehr alles, was für das christliche Zeugnis und die Wirksamkeit der Kirche im säkularen Raum wesentlich ist, innerhalb der Struktur der Kirche oder über offizielle Kirchenkanäle geleistet werden kann. Von nun an muss dies vor allem von den Laien geschehen – einzeln und in Gemeinschaft mit Gleichgesinnten – in den komplexen Realitäten der Zivilgesellschaft. Da der moderne Staat eine Demokratie ist, sind die Laien auch dort zum Zeugnis aufgerufen; dies können sie notwendigerweise nicht über die Kirche als Institution tun, sondern nur als Einzelne. Für beide Formen – ihr politisches und ihr zivilgesellschaftliches Zeugnis – benötigen die Laien jedoch pastorale Begleitung, christliche Bildung und den unerschrockenen Glaubenszeugnis der Hierarchie.
Die Förderung des Synodalismus ist in der Tat ein Beweis dafür, dass man weder die heutige Welt noch das Zweite Vatikanische Konzil verstanden hat. Denn dieses Diskussionsformat ist das genaue Gegenteil von beidem: Es ruft die Laien in die offizielle Struktur der Kirche, um dort gemeinsam mit und unter der Kirchenleitung offizielle Antworten auf die zahlreichen Fragen zu suchen, die eine vielfältige säkulare Realität aufwirft. Die Ergebnisse synodaler Diskussionen sollen dann in Form von Papieren, Resolutionen und Handlungen mit kirchlichem Siegel in Politik und Zivilgesellschaft getragen werden.
Der Synodalismus lässt die Laien glauben, dass allein oder vorrangig die institutionelle Kirche für die kirchliche, apostolische Arbeit in säkularen Realitäten maßgeblich sei. Sie warten dann darauf, dass die synodale Gemeinschaft ihnen insgesamt sagt, was zu tun ist. Auf diese Weise erkennen sie nicht, was ihre Aufgabe heute bereits ist: Jesus Christus – Prophet, Priester und König – inmitten der zersplitterten und verwirrenden Realität der Zivilgesellschaft präsent zu machen. Und weil die heutige Kirchenleitung den Laien keine geeignete Spiritualität für diese Aufgabe vermitteln kann, die ihrer eigenen Natur entspricht, werden sie in die Aktivitäten der Hierarchie hineingezogen. Von dort aus sollen sie – vermeintlich – zum Missionsauftrag der Kirche beitragen.
Die Laien werden unterschiedslos mit den Nachfolgern der Apostel in den sogenannten synodalen Gremien vermischt, wie es einst beim Bischofssynod der Fall war. Dies stellt eine weitere Missachtung des Zweiten Vatikanischen Konzils dar. Denn in LG 10 hatte das Konzil gelehrt, dass es einen wesentlichen Unterschied zwischen dem hierarchischen und dem allgemeinen Priestertum gibt. Seit Jahren versuchen die Synodalaktivisten des Vatikans, in den Teilkirchen eine Einebnung von Klerus und Laien voranzutreiben. Das jüngste Beispiel sind die Hinweise für Bischöfe und „Synodalteams“, die das Apostolische Amt Ende Juli 2026 veröffentlichte. Dies geschieht mit immer größerer Wortgewalt und Verzweiflung. Denn es fruchtet nicht, weil es den Gläubigen nicht hilft, ihren christlichen Glauben in der heutigen Welt zu leben.
Durch die Förderung der Synodalität wird heute wieder die Botschaft vermittelt, die Robert Bellarmin (1542–1621) zu seiner Zeit zu Recht vorgebracht hatte: Die Kirche ist so sichtbar wie die Republik Venedig. Als die Reformatoren die Sichtbarkeit der Kirche als Institution leugneten, sah sich die katholische Seite gezwungen, sie zu betonen. Dies führte jedoch dazu, dass das kirchliche Leben vorrangig innerhalb kirchlicher Institutionen verortet wurde. Seit der Barockzeit entstand daraus die herausgehobene Rolle der Pfarrei mit ihren Vereinen, Bruderschaften und anderen Anhängseln. Auf höherer Ebene bildeten sich katholische Interessengruppen und sogar politische Parteien. Diese Institutionen, geleitet oder zumindest gelenkt von kirchlichen Autoritäten, sollten das Engagement der Kirche in der Welt bewirken. Zweifellos trug dies unter den damaligen Umständen Früchte. Doch nach der Trennung von Staatsgewalt und Zivilgesellschaft neigte es dazu, eine eigene Sphäre zu bilden, die zunehmend unfähig war, diese Realitäten christlich zu prägen.
Heute ist der Synodalismus eine Wiederholung dieses Anachronismus. Deshalb sind die heutigen Synodalisten, die oft mit Verachtung auf die Anhänger der tridentinischen Liturgie herabblicken, selbst – und in problematischer Hinsicht – Tridentiner. Sie unterscheiden sich jedoch von den liturgischen Tridentinern in einem Punkt: Sie erkennen nicht, dass sie selbst (politische) Tridentiner geblieben sind. Denn die Kirche steht nicht mehr, wie im Mittelalter, einfach als Societas perfecta der allbeherrschenden staatlichen Societas perfecta gegenüber. Vielmehr steht sie zwar weiterhin der Staatsgewalt gegenüber, lebt jedoch heute größtenteils – insbesondere durch die Laien – mitten im Herzen der Zivilgesellschaft. Sie kann dieser nicht mehr einfach von außen durch kirchliche oder para-kirchliche Institutionen begegnen. Stattdessen muss die säkulare Welt vom christlichen Geist „von innen“ (LG 31) durch die Laien durchdrungen werden.
Die Väter des Zweiten Vatikanischen Konzils verstanden die grundlegende Umwälzung der säkularen Realitäten, die seit der Moderne stattgefunden hat. Sie verstanden mehr von der Moderne als die heutigen Synodalisten, die sich für modern halten. Denn letztere stecken geistig noch in den Kategorien von gestern fest. Indem sie anachronistische Lösungen anwenden, verschleiern die Synodalisten die hierarchische und sakramentale Natur der Kirche und führen Konflikte um Autorität zwischen Klerus und Laien in sie ein. Es wäre naiv, das Geschrei der Synodalisten mit dem Widerhall des Evangeliums in den Realitäten von Politik und Zivilgesellschaft zu verwechseln.